Liebe Männer, wir müssen reden!

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Seit einigen Tagen dominiert der Hashtag #SchweizerAufschrei die Social Media Kanäle und Medienberichterstattung. Als Antwort auf die haarsträubende Aussage von Andrea Geissbühler (SVP-Nationalrätin und ehemalige Polizistin), dass „naive Frauen eine Mitschuld an ihrer Vergewaltigung tragen, wenn sie leichtfertig Männer nach Hause nehmen“, lancierten einige junge Frauen den Hashtag und baten die Internet-Community ihre Seximus-Erlebnisse zu teilen. So weit so gut – und vor allem nötig.

Was danach passierte, lässt einen Mann wie mich nachdenklich, stinksauer und zugleich traurig zurück. Unser Geschlecht teilt sich in drei Gruppen:

  1. Die Stummen. Die meisten Männer schweigen, wohl aus Desinteresse oder weil sie denken, Seximus betreffe sowieso nur Frauen (warum das nicht stimmt, später mehr).
  2. Die Mutigen. Ein paar Männer lassen sich dann doch noch finden, die ihrerseits Sexismus-Erlebnisse teilen oder sich im Kampf gegen Alltagssexismus mit den betroffenen Frauen verbünden.
  3. Die Dummen.

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Quelle: Auswahl von Kommentaren auf eine TeleZüri Berichterstattung von Aline Trede und Ihren Sexismus Vorwürfen ggü. Alexander Tschäppät.

Leider zeigt sich insbesondere bei der dritten (und leider auch grössten) Gruppe die hässliche Fratze unseres Geschlechts. Dümmliche Männer, entweder mit einem Hass auf Frauen oder mit einer komplett verblendeten Wahrnehmung der Aussenwelt, geben Kommentare von sich, die bei jeder normaldenkenden Person Brechreize und Wutanfälle auslösen dürfte.

Wie kann es sein, dass Sexismusvorwürfe im Jahr 2016 immer noch mit solchen saudummen und erniedrigenden Vorwürfen kommentiert werden? Wer sich durch Kommentarfunktionen in Schweizer Online-Medien liest, wundert sich, dass solche Menschen in ein Parlament gewählt werden. Glauben Sie mir, Andrea Geissbühler’s Aussage ist dabei nur die Spitze des Eisbergs.

(Liebe) Männer, was soll das? Sexismus war und ist ein ernstzunehmendes Problem in unserer Gesellschaft und nicht ein «Aufmerksamkeitsdefizit linker Frauen, die keine Typen abbekommen». Es ist unter jeder Sau, wenn wir Erlebnisse sexueller Belästigung, sexistische Sprüche oder Vergewaltigungen herunterspielen und den Frauen gar eine Mitschuld geben.

Ich kann euch genau sagen, was passiert, wenn wir den öffentlichen Diskurs (von mir aus auch die öffentliche Konfrontation) nicht führen: Meine Kollegin, die in einem Club von einem Security-Angestellten so offensichtlich begrascht wurde, wird weiterhin keine Anzeige gegen den Typen erstatten, weil sie fürchtet, dass über sie geredet wird. Eine weitere Kollegin wird die Vergewaltigung, die sie vor einigen Jahren erleiden musste, weiterhin nicht anzeigen, weil sie Angst hat, dass ihr niemand glaubt und die Polizei nichts tun kann. Es wird nach wie vor ein halbes Jahr gehen, bis der Typ aus dem Büro, der meine Kollegin so plump und widerlich in der sexuellen Integrität verletzt hat, endlich gefeuert wird.

Seximus ist keine Schneeballschlacht, in der man kurz friert und dann wieder vergisst, dass einem der Hansli voll fies den Rücken eingeseift hat. Sexismus betrifft die persönliche sexuelle Integrität, die für jede_n anders, aber doch unantastbar ist. Wir befinden uns nicht mehr in den 60er Jahren, als man der Assistentin ohne Konsequenzen an den Hintern grabschen konnte. Oder als man sie während der wöchentlichen Sitzung unüberlegt «Mäuschen» nennen konnte. Im Gegensatz zu damals verfügen wir über eine emanzipierte Gesellschaft – angeführt von mutigen Frauen – die uns Männern den Spiegel vorhalten.

Und wisst ihr was, (liebe) Männer? Seximus betrifft auch uns! Das Problem ist allerdings, dass wir es aufgrund der gesellschaftlichen Konventionen nicht wahrnehmen. Weil man uns  vorgibt, dass wir mit Stolz erfüllt sein sollten, wenn uns ältere Frauen im Büro angrabschen, wenn uns Frauen in der Bar so anstarren, dass es einem unangenehm wird oder sie uns sagen, dass wir wegen unseres Aussehens sicher eine tolle Karriere machen werden. All das ist mir bereits passiert, und ich bin mir sicher, dass 90% der Menschen (egal ob Mann oder Frau) mich als Waschlappen abtun würden, wenn ich ihnen davon erzählen würde. Sexismus ist zum grossen Teil subjektiv, ja. Es kann sein, dass ein Witz unter der Gürtelline nicht gut ankommt, obwohl er nicht so gemeint war. Oder dass man im Club jemanden antanzen möchte, ohne abschätzige Hintergedanken zu haben. Wenn einem das Gegenüber aber sagt, dass das nicht Okay ist, muss man das akzeptieren und sich nicht darüber lustig machen. Punkt.

Liebe Männer, ich weiss es ist noch nicht Weihnachten, aber ich wünsche mir an dieser Stelle zwei Dinge:

  1. Hört auf, Sexismus als Kavaliersdelikt abzutun! Lest euch durch die Geschichten dieser Frauen und versetzt euch in ihre Lage. Versucht zu begreifen, warum solche Erlebnisse nicht lustig sind, und warum man zum Teil erst Jahre darüber sprechen kann.
  2. Wehrt euch, wenn ihr selber Opfer von Alltagssexismus werdet. Ihr seid keine «Pussys, Waschlappen oder Versager», wenn euch etwas unangenehm ist. Gesetze und interne Richtlinien sind auch für uns da.

PS: Für diejenigen, die es einfach immer noch nicht begreifen, hier ein Video, welchem selbst dem allerletzten aufzeigen sollte, warum ein NEIN ein NEIN bedeutet:

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One Comment

  1. Danke!

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