Und nun, was bleibt?

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Er ist vorbei. Der Schweizer Aufschrei. Hie und da noch ein Tweet. Hie und da noch ein Artikel, der geteilt wird. Aber die Debatte im Büro, am Küchentisch oder unter Freunden ist vorbei. Und wehe du sprichst es nochmals an: «Jetzt ist dann langsam mal gut, Alexandra». Schade, aber nicht wirklich überraschend.

Die Debatte entwickelte sich zum Schluss in eine völlig falsche Richtung. Sowohl in den Massenmedien als auch in den Sozialen Medien debattierte man nur noch darüber, was nun ein Kompliment, was ein dummer Spruch und was per Definition Sexismus sei. Unsere Parlamentarierinnen haben mit ihren Beispielen der Debatte denn auch keinen Dienst erwiesen. Waren kritische Mitmenschen zu Beginn des #SchweizerAufschrei noch offen für eine Diskussion, waren sie anschliessend an einem Punkt angekommen, das Ganze als übertrieben abzutun. Weiter debattiert haben diejenigen, die sowieso bereits affin für feministische Themen sind. Und um es gleich vorweg zu nehmen: Ich bin absolut der Meinung, dass ein «Kompliment» über ein schönes Kleid nach einer Nationalratsdebatte Fehl am Platz ist. Wenn ich als TV-Produzentin von einem Politiker für meinen roten Lippenstift gelobt werde, nachdem ich den gesamten Arbeitstag für diese Sendung geschuftet habe, dann hält sich meine Begeisterung ab diesem vermeintlichen Kompliment auch in engen Grenzen. Aber ich freue mich, wenn mir ein Freund sagt, der Lippenstift stehe mir gut, wenn ich mich für ein Essen chic mache. Es kommt eben auf den Kontext an. Und dieses Wörtlein «Kontext» wurde in der Debatte gerne vernachlässigt. Und die Parlamentarierinnen haben es verpasst, ihn zu erklären. Ein klassisches Kommunikationsproblem.

Und dann wäre da noch die Sache mit den Männern. Ein paar wenige fluchten, der Grossteil schwieg – das ist allseits bekannt. Es dauerte eine ganze Weile, bis sich ein Journalist doch noch dafür erwärmte, einen Kommentar zu veröffentlichen. Die Herren Chefredaktoren schwiegen weiterhin. Liest man die Editorials in der Schweizer Presse, so hat der #Schweizer Aufschrei nie stattgefunden. Und das Parlament bestand plötzlich nur noch aus Frauen – die Herren National- und Ständeräte verstummten ebenfalls. Aber ohne Männer geht’s nicht. Wie soll das Bewusstsein in der Bevölkerung gestärkt werden, wenn die Hälfte der Bevölkerung wegschaut? Wenn Entscheidungsträger und Meinungsmacher denken, es gehe sie nichts an?

Und nun, was bleibt? Bestenfalls wurden ein paar Männer und Frauen sensibilisiert. Bestenfalls wurde die Relevanz von ein paar Entscheidungsträger_innen und Meinungsmacher_innen zumindest teilweise erkannt. Bestenfalls hält der Diskurs noch ein paar Tage an. Aber ich will mehr. Ich will das feministische Anliegen im Büro, am Küchentisch oder unter Freunden genau so thematisiert werden wie Sport, Wirtschaft und Promis. Aber dafür müssen wir dranbleiben. Wir müssen Medien und Politik auf die Pelle rücken. Der #SchweizerAufschrei war nur der Startschuss.

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